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Der Technikverliebte

Arnd Kaldowski - CEO Sonova Gruppe

Arnd Kaldowski - CEO der Sonova Gruppe

“Der neue Chef der Phonak-Mutter will den Hörapparat entstauben und zum Medizin-Gadget machen. Kooperationen mit Techriesen wie Apple könnten bald Realität werden.” - Interview der Neuen Zürcher Zeitung am Sonntag mit Arnd Kaldowski.

Chefwechsel in Grossunternehmen sind oft mit Türenknallen, Unruhe und Gerüchten verbunden. Nicht bei Sonova. Die beiden teilten die Aufgaben auf, am Ende übernimmt der Neue. «Er ist ein phantastischer Mensch, der extrem viel weiss und gut loslassen kann», sagt Kaldowski über Braunschweiler.

Die gestaffelte Übergabe ist möglich, weil das Unternehmen gut aufgestellt ist. Die Medizinaltechnik gehört zu den rentabelsten Branchen, das Geschäft wächst ungebrochen. Der 51-Jährige hat die Zeit genutzt, Kunden, Investoren und die Kollegen kennengelernt. «Als Neuer sollte man vorsichtig sein und zuerst einmal beobachten und sich einlassen auf die Firmenkultur und die Prozesse», sagt er. Aber natürlich hat er Ideen. Wenig überraschend – er ist Physiker – fasziniert ihn Technik. Er möchte Sonova von der Akustik mit neuartigen Funktionen stärker in universal anwendbare Technologie führen. Gadgets sind Hörgeräte aber nicht, und das sollen sie auch nicht werden. Aber so etwas Ähnliches: seriös, aber doch mit einer  spielerischen Komponente.

 

Immer wieder gelingen technische Durchbrüche, die den Kunden hohen Nutzen bringen. Solange wir solche Vorsprünge verteidigen, bleiben wir erfolgreich. 

Arnd Kaldowski, CEO der Sonova Gruppe

 

Schon heute bieten die Topmodelle längst mehr, als nur Töne zu verstärken. Sie sind Freisprechanlagen fürs Telefon, unsichtbare Minikopfhörer für den Fernseher. Sonova hat einen drahtlosen Chip entwickelt, der sich mit sprachgesteuerten Apps wie Siri oder Alexa verbinden kann, unabhängig von Marke und Betriebssoftware. Der Chip ist auch die Eintrittskarte in die Unterhaltungselektronik, böte sich an für Kooperationen mit Techriesen wie Apple. Da wäre der neue Chef nicht abgeneigt. Standen bis anhin Menschen mit Hörverlust im Fokus, öffnet sich potenziell der riesige Kundenkreis der «Gesunden». Die Verbindung von Bildschirm, Ton und Sprache sei schon heute ein zentraler Teil des Lebens und werde für die  Menschen noch an Bedeutung gewinnen, sagt Kaldowski. Den Schritt mit der eigenen Marke in die Unterhaltungselektronik scheut er aber. Weil das zu viele Risiken berge.

«Immer wieder gelingen technische Durchbrüche, die den Kunden hohen Nutzen bringen. Solange wir solche Vorsprünge verteidigen, bleiben wir erfolgreich», sagt er. Sonova werde als Marke mit Medizinaltechnik, nicht mit Freizeit verbunden, das spiegle sich unter anderem im Design der Geräte. «Von aussen sieht die Unterhaltungselektronik wie ein sehr einfaches Geschäft aus, das ist sie aber nicht», sagt er. Wie hart dieser Markt ist, konnte er in seinem bisherigen Wohnort in Kalifornien aus der Nähe beobachten. Dort lebte er die letzten Jahre mit seiner Frau und den drei Kindern, sein letzter Führungsjob für Danaher war verbunden mit diesem sonnigen Wohnort. Die US-Firma ist auch in der Medizinaltechnik tätig. Sonova hätte das Know­how, um hochstehende Kopfhörer zu lancieren. Die Gewinnmargen in solchen Massenmärkten seien aber einiges tiefer, der Konkurrenzkampf sei härter. Um Hörgeräte zu entwickeln, sei dagegen enormes Wissen nötig. Das schütze Sonova. «Niemand kann in kurzer Zeit unser Geschäft kopieren», sagt der Manager.

Das Unternehmen arbeitet mit unabhängigen Händlern zusammen. Meist sind es AudiologieKetten, welche Hörgeräte anpassen und verkaufen. Für die Anpassung sind mehrere Treffen nötig, wodurch zum Audiologen ein Vertrauensverhältnis  erwächst. Wie Sonova bauten die meisten Gerätehersteller in den letzten Jahren eigene Läden auf, um sich ein Stück weit aus der Abhängigkeit von den Akustikern zu lösen. Und natürlich verdienen sie auch mehr, wenn sie diese nicht abgelten müssen.

Kaldowski spricht von einem Balanceakt: «Die Kunst liegt darin, alle Absatzkanäle zu nutzen.» Forciere Sonova die eigenen Läden zu stark, provoziere das Widerstand der unabhängigen Audiologen. Die Zusammenarbeit mit ihnen bleibe aber essenziell. «Ein unkontrollierter Ausbau unserer Marktanteile im Handel ergibt wenig Sinn, ist teuer und schwierig zu verteidigen.»

Die Digitalisierung eröffnet einen dritten Weg zu den Kunden. Schon heute können diese vor der Beratung online Hörtests durchführen, Fragebogen ausfüllen und so die Anpassung des Geräts verkürzen. Bei Problemen rufen sie den Audiologen per Videoanruf an, und der justiert das Gerät während des Gesprächs. So kann der Kunde testen, ob das funktioniert. «Ohne Hörakustiker wird’s nie gehen», sagt Kaldowski. Eine grosse Aufgabe sieht er darin, mehr Patienten mit leichtem Hörverlust zu gewinnen. Denn viele von ihnen wollen partout keine Hörhilfe. Neue Apps, kleine, unsichtbare Geräte böten die Chance, das Stigma des Hörapparats loszuwerden. 

Seine persönliche nächste Herausforderung wird der Umzug in die Schweiz. Die Familie zieht im Sommer in ein Haus im Kanton Zug, die Kids wechseln an die internationale Schule. Kaldowski ist keiner der Manager, die dauernd betonen, wie wichtig ihnen die Familie sei, und die die Kinder doch nur am Sonntag sehen. Er unternimmt viel mit ihnen. In Kalifornien gingen sie zu viert mit einem Surflehrer raus aufs Meer. Illusionen über seinen Job macht sich der CEO aber nicht. «Die Welt wird komplexer. Die Kundensegmente werden vielfältiger, die Erwartungen höher, und der Wettbewerb wird härter», sagt er. Nur wer schnell sei, könne sich behaupten.

Artikel NZZ am Sonntag, 25. März 2018